DDR-Geschichte: Schwierigkeiten mit der Wahrheit
Geschrieben von: Achim Wesjohann   
Sonntag, 29. März 2009 um 00:00 Uhr

(weslog)

wesjohannGestern fand in Dresden die umstrittene Konferenz der Partei „Die LINKE“ (PDL) zum Herbst 89 und zur DDR-Geschichte statt. Mitglieder der Jungen Union und der Jungen Liberalen erachteten dies der Mühe wert, dagegen in aller Frühe vor den Hellerauer Werkstätten zu protestieren, was niemand mitbekommen haben dürfte außer den AkteurInnen selbst und den armen Anwohnern, denen man mit Trillerpfeifenlärm das beginnende Wochenende versaute.
Ob die Thesen, die der Konferenz zugrunde lagen, den vielen Lärm auch wert waren? Sie enthalten immerhin selbstkritische Passagen. Gerade deshalb erscheint es als schlechter Witz, dass die Jugendorganisationen von Parteien, die 1990 das Personal, Geld und Besitz mehrerer Blockparteien ohne weiteres übernahmen, jetzt meinten, sich produzieren zu müssen. Anders als die PDL haben sich die sächsischen Blockflöten und ihr politischer Nachwuchs bislang nicht mal ansatzweise mit der eigenen Geschichte kritisch auseinandergesetzt. Ob das eine Frage der intellektuellen oder der charakterlichen Voraussetzungen ist, lassen wir mal offen.
Den ganz großen Wurf hat die PDL mit ihren Thesen allerdings auch nicht hingelegt – zumal nur ca. sechs von ihnen was mit dem eigentlichen Thema zu tun haben. Dass die DDR eine Diktatur war, in der Menschenrechte verletzt wurden, wird durchaus gesagt (These 9 u. 10), aber nicht erklärt. Allgemeine Ausführungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus helfen da ebenso wenig weiter wie der Hinweis auf die Verfolgung der „sozialistischen Bewegung“ in Griechenland. Das Beispiel verfolgter Kommunisten schmälert die Verantwortung der verfolgenden Kommunisten keineswegs, und der Hinweis, dass „die Anderen“ auch schlimme Dinge getan haben, entspricht der Legitimationsstrategie von Sandkasteninsassen.
Es geht aber nicht um eine akademische Schuldfrage. Denn auch die am Ende stehenden Überlegungen zu den gewünschten Aussichten für die PDL zur eigenen Zukunft bieten keine Antwort auf die Frage, ob und wie Sozialismus ohne Menschenrechtsverletzungen möglich sein soll. Angesichts einer in den letzten Jahren wiederkehrenden Che-Guevara-Folklore stellt sich freilich die Frage, welche „Linken“ das überhaupt interessiert.
Im Netz haben insbesondere die Jungliberalen ihre Aktivitäten dokumentiert – z.B. hier. Auf den Bildern weisen sie sich durch T-Shirts als „Freiheitskämpfer“ aus. Jaja, es handelt sich um eben jene Dresdner Jungliberale, die sich sonst in erster Linie dem Kampf um Grillplätze verschrieben haben. Das kann man ja auch mal mit etwas Pathos aufladen. Oder sie spielen auf ihren mutigen Freiheitskampf gegen einen vor 19 Jahren untergegangenen Staat an. Kann ja sein. Die Kreuze mit gleichlautender Aufschrift, die sich vor den Bauch hielten, sollen wahrscheinlich an die gefallenen Freiheitskämpfer der LDPD und der NDPD erinnern, in deren Fußstapfen die sächsischen Liberalen getreten sind. Oder sollen sie symbolisieren, dass der Freiheitskampf auch schon wieder gestorben ist? Oder wollen sich die „Freiheitskämpfer“ dadurch als die Untoten des Neoliberalismus ausweisen? Oder was?

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, 01. April 2009 um 01:03 Uhr